Seit einigen Tagen erkunden wir nun die Kenai-Halbinsel, die vielleicht touristisch bedeutsamste Region hier in Alaska. Die 4 Ortschaften Kenai, Homer, Seward sowie Whittier dienen hier für die vielen Besucher als idealen Ausgangspunkt, um den Kenai Fjords Nationalpark, das Harding Icefield mit dem leicht zugänglichen Exit Glacier oder aber den weitläufigen Wildlife Refuge zu besuchen.

Auch wenn es in den Wäldern wohl diverse Wildtiere, wie Bären, Wölfe, Kojoten oder Luchse gibt, uns haben sie sich in den vergangenen 2 Wochen nicht gezeigt. Vertrauensseliger bzw. entspannter scheinen da die Steinadler, Weißkopfseeadler und Elche zu sein, die trotz unserer Gegenwart nicht immer sofort in den Fluchtmodus umschalten.

Apropos Fluchtmodus, auch wir möchten auf Grund der hohen Camperdichte so manches Mal die Flucht ergreifen. Gefühlt ist jedes zweite Auto auf den Straßen ein Wohnmobil, selten findet sich ein Stellplatz für die Nacht, den man alleine für sich genießen kann.

Viele US Amerikaner der südlicheren Staaten reisen hier auch durch das eigene Land, und wir fragen uns dabei immer wieder, wer von all den Menschen hier eigentlich direkt aus Alaska kommt? Woran erkennt man den „typischen“ Alaska-Bewohner?

Nun, im Laufe der letzten Wochen konnten wir ein paar Indizien heraus kristallisieren, die uns diese Frage beantwortet:

  1. have a good one“. Habe einen schönen Tag. Diese Redewendung am Ende eines Treffens ist so typisch für den Bewohner des nördlichsten Bundesstaates. Im Rest der USA bekannt, aber meines Erachtens nicht so geläufig wie hier.

  2. Autokennzeichen aus Alaska können täuschen, da enorm viele Mietfahrzeuge (inkl. Camper) über die Highways zuckeln. Erst wenn zusätzlich ein Boot auf dem Anhänger liegt, kann man davon ausgehen, das es sich um einen „local“ handelt. Auf den Nutzen des Bootes gehe ich gerne später nochmals ein.

  3. Beim Wandern oder Angeln in der Wildnis ist das Mitführen von Bärenspray obligatorisch. Wer direkt aus Alaska stammt, trägt oft eine Waffe im Holster (in der Regel gut sichtbar). Alle anderen US Amerikaner müssten ansonsten ihre Waffe auf dem Festland oder beim Fliegen angeben und deklarieren.

  4. Der ZZ Top Gedächtnis Vollbart, getragen von allen Männern, wird hier nicht als Hipster-Mode präsentiert. Das Kraut im Gesicht ist schlichtweg Standard.

  5. Braune Gummistiefel aber sind DAS Markenzeichen. Es vergeht kein Tag, an dem wir auf diese modisch grenzwertig zu betrachtenden Fußbekleidungen verzichten müssen. Ob im Hafen, am Strand, in der Stadt, bei einer Gletscherwanderung, ob bei 10 Grad oder 30 Grad Celsius – sie sind wirklich allgegenwärtig. Und zeichnen den echten Alaskaner aus.

Kein See-, kein Fjord-, kein Meereszugang ohne Bootsrampe. Ständig werden irgendwo Boote zum Fischen ins Wasser gelassen oder wieder mit dem Pick-up herausgezogen, denn jetzt im Sommer ist Fischzeit. Die kurze Sommerzeit wird von allen Bewohnern genutzt, um die Fischbestände im Gefrierschrank aufzufüllen und für die kommenden 12 Monate gerüstet zu sein.

Im Hafen von Homer trafen wir JJ, einem ansässigen Alaskabewohner, etwa 3 Stunden nördlich nahe Anchorage lebend. Während er geschickt mit dem Messer den Fang des Tages, Heilbutt, filetierte, erzählte er von seiner Militärzeit in Deutschland sowie von seinen Fanggewohnheiten in den langen Sommertagen. Lachs oder Heilbutt wird 5-6 Mal in der Woche verspeist, entsprechend benötigt er für sich, seine Frau und kleine Tochter aktuell etwa 320 Pfund (ca. 150kg) Filet pro Jahr. Die Schwiegereltern, Freunde, Nachbarn bekommen ebenfalls noch etwas ab, ein kleiner Teil wird verkauft – da läuft die Angelschnur kräftig heiss, die Bootstour startet morgens um 5.00 Uhr und endet, wenn die Arbeit erledigt ist. Und trotzdem ist ein Schwatz mit deutschen Touristen wie uns auch noch drin – und netterweise auch noch ein Pfund Heilbutt, den wir natürlich nicht ablehnen. Das er ein echter Alaskaboy ist, beweist er mit vier Dingen: Dem Bart, dem Bootsanhänger, den braunen Gummistiefeln und einem „have a good one“, beim Abschied.